erinnerung in schmerz und scham - mahnung und verpflichtung des 9. november 1938

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bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei der zentralen
gedenkveranstaltung anlaesslich des 50. jahrestages der
pogromnacht vom 9. november 1938 in der westend-
synagoge in frankfurt am main am 9. november 1988
folgende ansprache:

i.
heute vor 50 jahren brannten in ganz deutschland die
synagogen: gotteshaeuser, errichtet zur ehre des einen
schoepfers, zu dem juden und christen sich bekennen.
das ebenso zynische wie verharmlosende wort von der
"kristallnacht" bemaentelt, was damals wirklich geschah:
am 9. november 1938 erreichte der nationalsozialistische
terror gegen die juedischen mitbuerger eine neue dimension.
zehntausende von ihnen wurden verhaftet und in
konzentrationslager verschleppt, tausende misshandelt, hunderte
ermordet oder in den tod getrieben.
die pogromnacht war fanal einer zielbewussten, systematischen
und gnadenlosen verfolgung der juden. spaetestens
damals musste wirklich jedem bewusst werden, dass der
antisemitismus zum kern der nationalsozialistischen ideologie
gehoerte: dass er also nicht bloss ein herrschaftsinstrument
unter vielen war - und schon gar nicht eine eher zufaellige
nebenerscheinung der diktatur.
unter dem terror des nationalsozialismus haben unzaehlige
menschen leiden muessen. viele davon wurden wegen ihrer
politischen oder religioesen ueberzeugung verfolgt. doch der
hass gegen die juden - maenner, frauen und kinder - ging weiter:
allein die tatsache, dass jemand juedischer abstammung war,
bedeutete schon ein todeswuerdiges verbrechen.
heute vor fuenfzig jahren konnten sich die meisten freilich
immer noch nicht vorstellen, dass der nationalsozialistische
rassenwahn kurze zeit spaeter noch barbarischer wueten wuerde -
dass er in letzter, furchtbarster konsequenz auf den
voelkermord an den europaeischen juden hinauslief.
nie wird menschliche vorstellungskraft ermessen koennen, was
die abstrakten zahlen einer kalten statistik uns hierueber
berichten. aber eines koennen wir im rueckblick sagen: auschwitz
und treblinka, maidanek oder bergen-belsen - die staetten des
grauens - waren von vornherein angelegt in jener gottlosen
ideologie, die eine rasse zum goetzen erhoben hatte.

ii.
wir fragen uns heute, weshalb nur so wenige menschen
widersprachen, als die spaeteren gewaltherrscher fuer ihr
menschenverachtendes programm warben - zunaechst in den
hinterzimmern und spaeter auf strassen und plaetzen.
diese frage schmerzt, schmerzlicher noch ist die frage,
weshalb sich kein breiter protest erhob, als die juden in
deutschland verhoehnt und drangsaliert, isoliert und verfolgt
wurden. denn wahr ist nun einmal, dass die juedischen mitbuerger
vom ersten tag an, seit dem 30. januar 1933, diskriminiert wurden:
politisch, moralisch, dann auch rechtlich - mit wachsender
brutalitaet und vor den augen der oeffentlichkeit. immer
alltaeglicher wurde der staatliche terror, er drang vor bis
in die allernaechste nachbarschaft.
die rechtsordnung diente immer weniger dem schutz der
schwachen und immer mehr deren unterdrueckung. unrecht
wurde in die form von gesetzen gegossen, ein besonders
abstossendes beispiel hierfuer sind die rassistischen
nuernberger gesetze von 1935.
die novemberpogrome waren keineswegs eine spontane
entladung des sogenannten volkszorns. es handelte sich
vielmehr um eine von zentraler stelle ausgeloeste, vor ort
organisierte aktion.
aus heutiger sicht faellt es schwer zu begreifen - und es
bleibt eine ursache tiefer scham -, dass am 9. und 10. november
1938 die mehrheit der bevoelkerung geschwiegen hat. hier kam
vieles zusammen:
mangelnde zivilcourage oder gar laehmende angst bei den
einen, gleichgueltigkeit bei den anderen.
es gab jene, die bestuerzt waren - und jene, die mit vielerlei
argumenten ihr gewissen beruhigten: etwa mit dem verbreiteten
vorurteil vom "juedischen einfluss", der zurueckgedraengt und
ausgeschaltet werden muesse.
die einen fuehlten sich durch das leiden ihrer juedischen
mitbuerger persoenlich betroffen - die anderen meinten, das
alles gehe sie selbst gar nichts an.
es gab jene, die voller schadenfreude zusahen, die mitmachten
oder gar wirtschaftlich davon profitierten.
doch duerfen auch jene nicht vergessen werden, die ihre
missbilligung ausdrueckten oder gar im rahmen ihrer
moeglichkeiten zu helfen suchten.
wir erinnern uns heute mit hohem respekt und mit dankbarkeit
an die mutigen maenner und frauen, die vor fuenfzig jahren und
in der zeit danach unter gefaehrdung ihres eigenen lebens -
und oft auch der sicherheit ihrer familien - ihren juedischen
mitbuergern in vielfaeltiger weise beistanden: indem sie ihnen
beispielsweise zu einem versteck oder zur rettenden flucht
ins ausland verhalfen.

iii.
der heutige gedenktag wirft viele fragen auf. auch die
juengeren unter uns moegen sich ehrlich pruefen, was sie in
einer solchen situation getan oder unterlassen haetten.
und wenn ich "ehrlich" sage, dann meine ich vor allem: ohne
selbstgerechtigkeit.
die menschen von heute - das ist meine feste ueberzeugung -
sind nicht besser oder mutiger als die menschen von damals.
nur stehen wir nicht mehr vor der alternative, entweder durch
wegschauen oder mitmachen in schuld verstrickt zu werden
oder durch auflehnung uns selbst oder andere in gefahr zu
bringen.
unter der herrschaft des rechts bleibt uns jene furchtbare
bewaehrungsprobe erspart, die wahrscheinlich auch heute
manche ueberfordern wuerde.
dieses wissen lehrt uns bescheidenheit, ja demut. es lehrt
uns, dankbar zu sein dafuer, dass wir in einer freiheitlichen
demokratie leben duerfen.
und es mahnt uns zu nie ermuedender wachsamkeit gegen
ueber allem, was totalitaerer herrschaft den weg bereiten
koennte. ich denke, dass sie, herr dr. galinski, dies
gleichfalls meinten, als sie kuerzlich bei einer gemeinsamen
gedenkveranstaltung deutscher und franzoesischer soldaten im
konzentrationslager dachau erklaerten:
"denn das vergessen zu verhindern, ist auch ein wichtiges
mittel, um den menschen zu bewusstsein zu bringen, was sie
an der demokratie zu schaetzen haben."

iv.
so einzigartig der von deutscher hand veruebte voelkermord
an den europaeischen juden auch dasteht: wir muessen
immer und ueberall dafuer eintreten, dass vergleichbares nie
wieder geschieht. deshalb darf die mahnung des heutigen
tages niemals verlorengehen.
sie ist ein anruf an jeden von uns, das eigene denken
immer wieder zu ueberpruefen. rechtsgarantien sind zwar die
notwendige bedingung dafuer, dass es nie wieder zu einem
rueckfall in die barbarei kommt. hinzukommen muss jedoch
die verankerung der freiheitlichen demokratie in unseren
herzen - denn hier ist nicht allein der verstand gefordert.
uns muss immer und ueberall gegenwaertig bleiben: wo die
menschenwuerde in unserem mitmenschen beleidigt wird, da
wird sie in uns selbst verwundet.
nur wenn wir uns diese faehigkeit zum mit-leiden, zur
identifikation mit den opfern bewahren, kann es uns dauer
haft gelingen, eine gerechte gesellschaft zu gestalten, in
der menschen verschiedener herkunft und verschiedener
religioeser und politischer ueberzeugungen in frieden und
freiheit zusammenleben.
die achtung vor der unverfuegbarkeit des anderen verlangt
von uns, dass wir uns - biblisch gesprochen - kein bildnis
von ihm machen, sondern ihn als das gelten lassen, was er
wirklich ist.
von max frisch, der sich auf besonders eindringliche weise
mit den mechanismen und der wirkung antisemitischer vor
urteile auseinandergesetzt hat, stammt der satz, dass wir
alle "auf eine heimliche und unentrinnbare weise verant
wortlich" sind fuer das gesicht, das der andere uns zeigt.
indem wir ihm unsere vorstellungen aufzwingen, verwei
gern wir ihm "den anspruch alles lebendigen, das unfassbar
bleibt".
es geht also darum, den mitmenschen ohne vorbehalt in
seiner einzigartigkeit, in seinem anderssein zu bejahen -
ihn nicht vor die wahl zu stellen zwischen anpassung und
isolation. das ist gelebter pluralismus - pluralismus, wie
er den vaetern und muettern unseres grundgesetzes vor
schwebte.

v.
die maenner und frauen, die vor vierzig jahren im parlamen
tarischen rat ueber unsere verfassung berieten, konnten uns
auch deshalb den wert und die wuerde verantworteter frei
heit zurueckgewinnen, weil sie die kraft aufbrachten, die
last der vergangenheit anzunehmen.
die wahrheit ist: deutsche wurden als einzelpersonen schuldig
- doch das unrecht, das unter der nationalsozialistischen
gewaltherrschaft begangen wurde, ist teil ihrer
gemeinsamen geschichte.
diese geschichte ist uns in ihrer gesamtheit anvertraut und
aufgegeben. indem wir uns ihr in freiheit stellen, kann aus
der last eine chance werden: die chance, dass wir zu uns
selbst finden und wege in eine bessere zukunft erschliessen.
es waere unwahrhaftig, sich aus der deutschen geschichte
nur die genehmen teile herauszusuchen. denn diese
geschichte ist unteilbar - sie ist unser im guten wie im
boesen.
deshalb begruesse ich es, dass die regierung der ddr in
juengster zeit die bereitschaft gezeigt hat, sich zu der
verantwortung zu bekennen, die uns deutschen insgesamt
auferlegt ist - und sei es auch nur durch symbolische
gesten.
zu dieser verantwortung zaehlt insbesondere auch die
solidaritaet mit den lebens-, freiheits- und sicherheitsinteres
sen israels. diese solidaritaet wird durch meinungsverschie
denheiten im politischen alltag nicht in frage gestellt. solche
diskussionen beziehen sich auf einzelheiten der politik.
unsere solidaritaet jedoch betrifft immer das grundsaetzliche.
nicht zuletzt in ihr drueckt sich die umkehr aus, die das
deutsche volk nach 1945 vollzogen hat.

vi.
sowenig es moeglich ist, sich der last der vergangenheit zu
entziehen, so sehr sind wir aufgefordert, uns immer wieder
auf die besten, auf die freiheitlichen traditionen der
deutschen geschichte zu besinnen - traditionen, zu denen
auch zahlreiche juden beigetragen haben.
ich nenne nur gabriel riesser, den vizepraesidenten der
nationalversammlung in der frankfurter paulskirche, und
hugo preuss, der die weimarer verfassung massgeblich mit
gestaltet hat.
mit besonderer dankbarkeit nenne ich ferner jene juedischen
mitbuergerinnen und mitbuerger, die nach 1945 im blick auf
die zukunft bereit waren, zum aufbau unseres freiheitlichen
gemeinwesens beizutragen.
und hervorheben moechte ich schliesslich auch, dass es bei
uns heute junge juedische maenner und frauen gibt, die sich
ganz bewusst und mit einem besonders wachen
staatsbuergerlichen verantwortungsbewusstsein in unserem
freiheitlichen gemeinwesen engagieren.
wir - juden, christen, alle freiheitlich gesonnenen menschen
hierzulande - stehen vor einer grossen zukunftsaufgabe:
am ende dieses jahrhunderts mit all seinen
schrecken, mit so unsagbar viel menschlichem leid, bauen
wir

- an einem europa, dessen fundament die von juden und
christen gemeinsam vertretenen werte sind,
- einem europa, das sich von der geissel der nationalismen
befreit,
- einem europa, das menschen und voelker aus ost und
west in gemeinsamer freiheit zusammenfuehren soll.

vergessen wir jene menschen und voelker nicht, denen es
noch versagt ist, ueber ihren weg selbst zu bestimmen. es
gibt ja nicht nur die versuchung, gewesenes zu verdraengen,
genauso schlimm ist es, vor dem leid der zeitgenossen die
augen zu verschliessen - vor dem leid jener menschen, die
heute in unfreiheit leben muessen.

vii.
der heutige gedenktag ist nicht zuletzt eine mahnung,
sich zu vergegenwaertigen, dass juden und christen in den
fundamentalen fragen der ethik uebereinstimmen.
viel zu haeufig hoert man - auch aus dem munde wohlmeinender
menschen - die abwegige these vom angeblichen
"alttestamentlichen rachedenken". gedankenlos sprechen
wir von "christlicher naechstenliebe" und vergessen dabei,
dass bereits in der thora geschrieben steht: "du sollst
deinen naechsten lieben wie dich selbst."
ueberhaupt gilt es, die vorstellung zu ueberwinden, dass
juden in der geschichte des abendlandes gleichsam am rande
stehen. das gegenteil ist richtig: ihr platz ist mitten in der
grossen tradition, welche die politischen kulturen europas
und amerikas gein vielen laendern standen juden in vorderster
reihe, wenn es um menschenwuerde und buergerrechte, um
pluralismus und rechtsstaatlichkeit, um demokratie und
selbstbestimmung ging.
zu recht hat heinrich heine von dem stolz gesprochen,
"dass seine ahnen dem edlen hause israel angehoerten, dass
er ein abkoemmling jener maertyrer, die der welt einen gott
und eine moral gegeben, und auf allen schlachtfeldern des
gedankens gekaempft und gelitten haben".
die nationalsozialisten gaben vor, unsere europaeische
kultur retten zu wollen. in wirklichkeit war ihre ideologie
ein einziger angriff auf die werte, die eben diese kultur
gepraegt haben.
ich erwaehne hier nur einige jener ueberzeugungen, die
juden und christen gemeinsam sind und die den geistigen
boden fuer menschenrechte, rechtsstaatlichkeit und
pluralistische demokratie bereitet haben:

- die ueberzeugung von der gottebenbildlichkeit, der
einzigartigkeit und der unveraeusserlichen wuerde des
menschen,
- der glaube, dass uns die schoepfung anvertraut ist, damit
wir sie erhalten und weitergestalten - als gottes helfer
und gefaehrten, wie martin buber es einmal ausgedrueckt
hat,
- und nicht zuletzt das verbot des goetzendienstes, das uns
vor der versuchung bewahrt, die macht anzubeten oder
die absolutheitsansprueche von ideologien anzuerkennen.

weil der judaismus in seinem innersten wesen anti-totalitaer
ist, ist auch der totalitarismus, wie manes sperber einmal
schrieb, "ueberall antijudaistisch".
juden und christen sind gleichsam natuerliche verbuendete in
der opposition gegen alle ideologisch-politischen
absolutheitsansprueche. diese einsicht moeglichst vielen
menschen bewusstzumachen, ist aus meiner sicht eine der
entscheidenden aufgaben des christlich-juedischen dialogs.
mit besonderer dankbarkeit moechte ich deshalb daran
erinnern, dass vor zehn jahren das generalsekretariat des
internationalen rates der christen und juden von london in
das martin-buber-haus nach heppenheim verlegt wurde.

viii.
die pogromnacht vom 9. november 1938 bleibt uns
gegenwaertig. mit schmerz und mit scham ist sie teil
unserer gegenwart:
unter uns leben noch viele von denen, die damals verfolgt
wurden. sie tragen schwer an quaelenden erinnerungen, und
wir wissen, dass ihr schmerz nicht in worte zu fassen ist.
auch jenen, die vor fuenfzig jahren als kinder, jugendliche
oder erwachsene zeugen des pogroms wurden, stehen
noch beklemmende bilder vor augen - bilder, die uns mit
scham erfuellen.
dies kann und darf nicht bedeuten, dass mit dem tod des
letzten zeitzeugen auch die erinnerung verschwinden wird.
es ist vielmehr unsere aufgabe, an die generation unserer
kinder und enkel die einsicht weiterzugeben, dass es alles
andere als selbstverstaendlich ist, in freiheit und wuerde
leben zu duerfen.
die nachwachsenden generationen koennen - gluecklicherweise
- nicht aus eigener anschauung wissen, was unfreiheit
und diskriminierung konkret bedeuten. sie sollen diese
erfahrung auch nie machen muessen, und deshalb schulden
wir das erinnern nicht allein den opfern, sondern auch
unseren kindern und enkeln.

ix.
liebe juedische mitbuergerinnen und mitbuergerue lassen sie
mich mit einer persoenlichen bemerkung schliessen:
dass sie hier in der bundesrepublik deutschland leben, ist
zeichen eines vertrauens, das uns - und ich spreche jetzt
fuer die nichtjuedische mehrheit - tief bewegt.
textuebersatzdenn auf dieses vertrauen hatten wir wahrlich
keinen anspruch - nach allem was in deutschland vor und nach
dem 9. november 1938 geschehen ist.
es ist ein kostbares geschenk - mit das kostbarste, das uns
nach 1945 in die haende gelegt wurde.
es ist auch ein zerbrechliches geschenk. ich bin mir
bewusst, dass ihr vertrauen leicht zu erschuettern ist: durch
die gemeinheit von ewiggestrigen - und manchmal auch durch
die gedankenlosigkeit von wohlmeinenden.
liebe mitbuergerinnen und mitbuergerue das freiheitliche
gemeinwesen, das vor bald vierzig jahren auf deutschem
boden entstand, ist unsere gemeinsame heimat. wir wollen
es gemeinsam schuetzen und weiterentwickeln.
dazu bedarf es der engagierten mitwirkung aller menschen
guten willens.
um diese mitwirkung bitte ich auch sie.